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Kapitel 24 Weberknechte Rote Listen Sachsen-Anhalt 2020

Description: Rote Listen Sachsen-Anhalt Berichte des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt Halle, Heft 1/2020: 437–450 24 Bearbeitet von Christian Komposch (3. Fassung, Stand: September 2019) Einleitung Weberknechte oder Kanker sind eine hinsichtlich ihrer Morphologie, Biologie und Ökologie ausgesprochen vielfältige Spinnentierordnung. Sie besitzen in der Be- völkerung eine hohe Popularität, wenngleich nur die langbeinigen Gesellen an den Hausmauern allgemein bekannt sind und auch diese regelmäßig mit Zitter- spinnen verwechselt werden. Seit dem Erscheinen des Weberknechtbandes in der Tierwelt Deutschlands nach der grundlegenden Revision der mitteleuropäi- schen Arten durch Martens (1978) sind die heimischen Vertreter dieser Tiergruppe auch sehr gut bestimm- bar. Umso mehr verwundert es, dass sich im deutsch- sprachigen Raum nur wenige Arachnologen mit diesen Spinnentieren wissenschaftlich beschäftigen. Weberknechte besiedeln alle terrestrischen Land- lebensräume von Hochstaudenfluren bis Höhlen und von Trockenrasen bis hin zu schattigen Felsschluch- ten. Die höchsten Arten- und Individuenzahlen er- reichen sie in bodenfeuchten Wald-, Gebüsch- und Felsbiotopen. Sie leben im Allgemeinen räuberisch, verschmähen aber auch reifes Obst und frisches Aas nicht. Alle Brettkanker und der Schneckenkanker sind in ihrer Ernährungsweise auf Gehäuseschnecken spezialisiert, das Schwarzauge schlägt mit seinen langen Laufbeinen fliegende Insekten aus der Luft herunter. Ihre vielfach enge ökologische Einnischung und Bindung an Strukturen wie Totholz, Fels- und Blockelemente machen Weberknechte zu guten Bio- indikatoren und sensiblen Zeigerorganismen bei öko- logischen Planungen und im Fachlichen Naturschutz (Komposch 1999, 2009a; Holzinger 2010). So indiziert beispielsweise das Auftreten von kurzbeinigen, wenig mobilen Bodenbewohnern wie Moos-, Brett- und Scherenkankern im Allgemeinen ein hohes Alter des untersuchten Standortes, während die ausbreitungs- stärkeren Schneider und Kammkrallen-Weberknechte zu den ersten Besiedlern neu entstandener oder neu geschaffener terrestrischer Lebensräume zählen und damit für die Dokumentation von Sukzessionsvorgän- gen prädestiniert sind. Aus Sachsen-Anhalt sind aktuell 34 Weberknecht- arten bekannt: 32 Spezies wurden in der Checkliste zur Bestandsentwicklung von Komposch (2016) pub- liziert, Barndt (2018) veröffentlichte ein Vorkommen des Streckfußes (Dicranopalpus ramosus) und aktuell gelang ein weiterer Erstnachweis für Sachsen-An- halt, nämlich vom invasiven Namenlosen Rücken- kanker (Leiobunum sp. A). Bundesweit liegen derzeit für 52 Arten Nachweise vor (Muster et al. 2016). Eine Weberknechte (Arachnida: Opiliones) Übersicht für die Weberknechtdiversität Mittel- und Nordeuropas geben Blick & Komposch (2004). Keine der Weberknechtarten Deutschlands ist direkt gesetzlich geschützt. Allerdings besteht ein indirekter Schutz über die Berücksichtigung von Charakterarten von FFH-Lebensraumtypen (Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt 2002); dieser gesamtheitliche und da- mit ökologische Zugang der Betrachtung von Lebens- raumtypen mitsamt ihrer Tier- und Pflanzenwelt wur- de in Sachsen-Anhalt auch für die Weberknechtfauna vorbildlich umgesetzt (Komposch 2002). Datengrundlagen Der faunistische Erfassungsstand der Weberknecht- fauna Sachsen-Anhalts kann als gut bezeichnet wer- den. Für die Bearbeitung der gegenständlichen Roten Liste standen dem Verfasser durch Literaturdaten und eigene Projektarbeiten in seiner Datenbank mehr als 4.200 digitalisierte Datensätze zur Weberknecht- fauna des Landes zur Verfügung, die auf insgesamt mehr als 40.000 gesammelten, determinierten und digitalisierten Individuen basieren. Weitere 25 Daten- sätze (230 Individuen) von seltenen Arten stellte Karl-Hinrich Kielhorn zur Verfügung. Darüber hinaus konnte auf die Verbreitungskarten der Arachnolo- gischen Gesellschaft (https://arages.de), den Atlas der Spinnentiere Europas, zugegriffen werden. Hier standen 474 Datensätze (Nachweise) zur Verfügung, die sich auf 130 Rasterfelder und mindestens 1.498 Individuen verteilen (M. Hohner in litt., Okt. 2019). Die Datensätze der AraGes-Datenbank sind auf nahezu alle Landschaftsteile verteilt: Cluster liegen in allen 4 Himmelsrichtungen des Landes, aus der zentralen Region rund um Bernburg liegen keine Daten vor. Für jede der 34 Weberknechtarten Sachsen-An- halts liegen durchschnittlich 138 Datensätze (DS) und 1.230 Individuen vor. Die im Zuge der genannten Kartierungen am häufigsten nachgewiesenen Arten sind Oligolophus tridens (12.101 Individuen, 514 DS), Phalangium opilio (8.167 Individuen, 865 Datensät- ze), Lophopilio palpinalis (3.181 Ind., 309 DS), Rilae- na triangularis (2.900 Ind., 427 DS) und Nemastoma lugubre (2.697 Ind., 363 DS). Einen bibliographischen Überblick über weber- knechtkundliche Arbeiten in Sachsen-Anhalt geben Komposch et al. (2004). Insbesondere die rege Forscher- tätigkeit von Peter Bliss stellt die Basis zur Kenntnis der Verbreitung der Weberknechte in Sachsen-Anhalt dar. Aus landeskundlicher Sicht hervorzuheben sind dabei seine zusammenfassenden Werke, nämlich das Verzeichnis der Weberknechte für das Gebiet der DDR (Bliss & Hiebsch 1984) sowie die Rote Liste der Weber- knechte des Landes Sachsen-Anhalt (Bliss 1993a). 437 Weberknechte Das Landesamt für Umweltschutz veranlasste in den letzten drei Dekaden breit angelegte Kartierungspro- gramme in allen Landesteilen (Kellerberge, Bindfel- de, Pleistozäninseln Wulkau, Scharlibbe und Klietz, Colbitz-Letzlinger Heide, Mittel- und Unterharz, Nordharzvorland, Südharz, Salziger See, Saale-Un- strut-Trias-Land, Elbtal und Muldeaue, Huy) und den wichtigsten Biotoptypen (Trockenrasen, Sand- und Halbtrockenrasen, Kalk-Pionierrasen, Steppenrasen, Schwermetallrasen, Binnendünen, Gipsfelsheiden, Mähwiesen, Ackerland, Brachen, Zwergstrauchhei- den, Streuobstwiesen, Schilfröhricht, Moore, Au- landschaften, Gebüschbiotope, Vorwald, Mischwald, Eichen-Hainbuchenwälder, Buchenwälder; Komposch 2001, 2002, 2003, 2008, 2019 und weitere unpubl.). Die Determination der einzelnen Taxa erfolgte weitestgehend nach dem Standardwerk von Martens (1978) in der Tierwelt Deutschlands, für die Unter- scheidung des Trogulus-nepaeformis-Komplexes wurde die Arbeit von Chemini (1984) herangezogen. Die No- menklatur richtet sich nach Blick & Komposch (2004). Der Verfasser folgt den Vorgaben zu den Ge- fährdungskategorien der Fachredaktion. Allerdings wird auf die Vergabe der Kategorie „R“ verzichtet; der Grund hierfür liegt in der mehrfach beobachte- ten Fehlinterpretation dieser Kategorie seitens der Bearbeiter und auch im Übersehen dieser abseits der ordinalen Skala liegenden Kategorie durch den amtlichen Naturschutz. Nach den modernen IUCN- Kriterien steht diese Kategorie auch nicht mehr zur Verfügung. Aus fachlicher Sicht ist nach Meinung des Verfassers diese Kategorie hinfällig, da extrem seltene und isolierte Populationen in jedem Fall einem hohen bzw. erhöhten Aussterberisiko unterliegen. Selbst aktuell scheinbar unbeeinträchtigte Landschaftsteile und Biotope wie Höhlen und Berggipfel sind stär- ker von energiewirtschaftlichen und touristischen Eingriffen sowie von Luftschadstoffen, Nitraten und Pestiziden betroffen, als selbst in Ökologenkreisen vielfach angenommen wird. Auch der Rückgang der Insektenbiomasse wird durch den Verfasser als ak- tuell und zukünftig vielfach limitierender Faktor für Extremlebensräume (Höhlen, Blockhalden, Berggipfel aber auch für den Siedlungsraum, etc.) ausgewiesen. Die Auswirkungen des Klimawandels vor allem für kalt-stenotherme und hygrophile Arten müssen an- gesichts der Allgegenwärtigkeit dieses Themas hier nicht näher ausgeführt werden. Den Gefährdungsgrad von Neozoen auszuweisen wird bei Redaktionen von Roten Listen unterschied- lich gesehen. Aus naturschutzfachlicher Sicht ist die Zuweisung einer Gefährdungskategorie für alien species nach Meinung des Verfassers kontraproduktiv und führt zu Fehlinterpretationen der Schutzbedürf- tigkeit. Folglich werden Neozoen in der gegenständli- chen Liste entsprechend der IUCN-Kategorie als „Not Evaluated“ ausgewiesen. 438 Bemerkungen zu ausgewählten Arten Im Folgenden werden alle 34 bislang in Sachsen-An- halt nachgewiesenen Arten kommentiert. Damit wird zum einen die aktuelle Checkliste der Weber- knechte des Landes vorgelegt, zum anderen werden die Gefährdungsszenarien für jene Taxa aufgezeigt, die gegenwärtig noch in keiner Gefährdungskategorie zu finden sind. Auch die von den invasiven Neozoen ausgehenden negativen Wirkungen werden kurz skiz- ziert. Die Reihung der Arten erfolgt für die Familien systematisch, innerhalb der Familien alphabetisch nach dem wissenschaftlichen Namen. Mooskanker – Nemastomatidae Mitteleuropäischer Fadenkanker – Mitostoma chrysomelas (Hermann, 1804) Der frühere deutsche Name Fadenkanker für die Familie Nemastomatidae trifft aufgrund der faden- artig dünnen und langen Beine gut auf die Arten der Gattung Mitostoma, nicht aber auf die übrigen Ne- mastomatiden zu. Folglich wurde der deutsche Name „Mooskanker“ für diese Familie gewählt (Komposch & Gruber 2004, gemeinsam mit J. Martens). Der Mittel- europäische Fadenkanker ist vor allem im Bergland zu finden; die wenigen Funde aus Sachsen-Anhalt liegen im Harz und den Mittelgebirgsvorländern sowie im Süden und Osten des Landes (Komposch 2016, Arachno- logische Gesellschaft 2019). Einzahnmooskanker – Nemastoma dentigerum Canestrini, 1873 Martens (1978: 114) stuft diese Art noch als adriato- mediterran ein; in den 1970er Jahren waren „nörd- lich der Alpen nur (reliktäre) Arealsplitter“ aus dem Rhein-Main-Gebiet, der Umgebung von Stuttgart und Bonn bekannt. Der Einzahnmooskanker breitet sich in Europa aus (Baumann et al. 1992, Wijnhoven 2009, Muster & Meyer 2014, Vanhercke & Baert 2015). Inzwi- schen ist von einem fast flächendeckenden Auftreten in Deutschland auszugehen; in Berlin ist diese Spezies in diversen Vorwäldern (Robinie, Birke), Laubwäldern und Parks zu finden (K.-H. Kielhorn in litt.). Die Fun- dortdichte nimmt allerdings vom Rhein-Main-Gebiet nach Nordosten hin ab (Arachnologische Gesellschaft 2019). Die Frage nach der Autochthonie dieser Art in Mitteleuropa ist für den Verfasser noch nicht rest- los geklärt; Flüsse dürften als Ausbreitungskorridore eine zentrale Rolle spielen (vergl. auch Komposch et al. 2004). Die vergleichsweise (noch) wenigen vorlie- genden Nachweise aus Sachsen-Anhalt würden eine Einstufung in die Gefährdungskategorie „3“ oder die Kategorie „V“ zur Folge haben; das expansive Ver- halten dieser Spezies lässt allerdings von einem sich vergrößernden Areal und zunehmenden Populations- größen ausgehen. Weberknechte 1 3 2 4 5 Abb. 1: Der Schwarze Mooskanker (Nemastoma triste) ist der einzige Weberknecht des Landes Sachsen-Anhalt in der Gefährdungskategorie 0 – „Ausgestorben oder verschollen“. Abb. 2: Vom Mittleren Brettkanker (Trogulus nepaeformis s. str.) liegen bislang nur etwa zwei Dutzend sicher bestimmte Individuen vor. Gefährdungskategorie 2 – „Stark gefährdet“. Abb. 3: Der Schneckenkanker (Ischyropsalis h. hellwigii) ist eine anspruchsvolle, strukturgebundene Waldart, die aufgrund ihrer disjunkten Verbreitung und geringen Individuendichten ohne Boden- fallen sehr schwer nachzuweisen ist. Gefährdungskategorie: 1 – „Vom Aussterben bedroht“. Abb. 4: Der Wandkanker (Opilio parietinus) war noch vor einigen Jahrzehnten eine weit verbreitete und allgegenwärtige Weberknechtart unserer Hausmauern. Mit der Ausbreitung des invasiven Neozoon Apenninenkanker verschwanden die meisten Populationen des Wandkankers. Gefährdungskategorie: 1 – „Vom Aus- sterben bedroht“. Abb. 5: Der Streckfuß (Dicranopalpus ramosus) ist ein in Deutschland inzwischen weit verbreitetes, invasives Neozoon; in Sachsen-Anhalt gelang erst kürzlich der Erstnachweis (Alle Fotos: Christian Komposch/ÖKOTEAM). 439

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Language: Deutsch

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Issued: 2020-08-31

Modified: 2020-08-31

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