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Eupolybothrus grossipes (C. L. Koch, 1847) Hundertfüßer und Doppelfüßer Extrem selten

Trotz Fehlens von Nachweisen seit über 160 Jahren war E. grossipes in der vorherigen Roten Liste nicht in die Rote-Liste-Kategorie „Ausgestorben oder verschollen“ eingestuft worden, sondern in „Daten unzureichend“. Er wurde erstmals aus der Umgebung von Garmisch-Partenkirchen (Koch 1862) unter dem Synonym Lithobius festivus L. Koch, 1862 erwähnt. Dank intensiver Untersuchungen konnte die Art in 2023 sieben Kilometer westlich von Garmisch-Partenkirchen wiederentdeckt werden. Sie benötigt warme Habitate mit reichlicher Sonneneinstrahlung, die vor starken Barfrösten geschützt sein müssen. Als wichtige pflanzliche Indikatorarten potenzieller Habitate können Rhododendron hirsutum und Erica carnea als Unterwuchs in lockeren, grasigen, von Kiefern und Fichten dominierten Wäldern in steiler Hanglage fungieren. Es wird eine Höhenstufe von ca. 900 bis 1.200m ü. NHN bevorzugt, weil in dieser Höhenlage nur wenig Verschattung durch umliegende Berge erfolgt und durch die daraus resultierende längere Besonnungsdauer ausreichend hohe Temperaturen herrschen. Auch die Verfügbarkeit von Totholz (rotfaule Stämme) ist für diese Art wichtig. Bislang ist sie aus Bayern nur von zwei Fundstellen vom Südhang des Kramermassivs bekannt. Die Art ist von Frankreich bis Griechenland südlich der Alpen verbreitet (Bonato et al. 2016) und erreicht in Deutschland die Nordgrenze ihrer Verbreitung. Sie dringt über den Brennerpass und Innsbruck bis nach Garmisch-Partenkirchen vor.

Leptoiulus cibdellus (Chamberlin, 1921) Leptoiulus minutus (Porat, 1889) Hundertfüßer und Doppelfüßer Stark gefährdet

Die Art ist in Deutschland auf feuchte Biotope wie Auenwälder, Schilfröhrichte, Grünland nasser bis (wechsel-)feuchter Standorte und Gehölze nasser bis feuchter Standorte beschränkt. In einem Fall wurde die Art auch an einer Streuobstwiese in der Nähe der Elbe gefunden (Lindner 2019). Aufgrund der starken Bindung von L. cibdellus an diese nach Finck et al. (2017) stark gefährdeten Biotoptypen und der zunehmenden Trockenheit ist hier von einem mäßigen Rückgang und einer Abnahme unbekannten Ausmaßes im langfristigen und im kurzfristigen Bestandstrend auszugehen. Insbesondere langanhaltende Dürren machen der Art zu schaffen, und gezielte Nachsuchen waren in den letzten Jahren meist erfolglos. L. cibdellus wird insgesamt als „Stark gefährdet“ eingestuft.

Lamyctes africanus (Porath, 1871) Hundertfüßer und Doppelfüßer Nicht bewertet

Eine Beschreibung und Diagnose von L. africanus sowie die Unterschiede zur morphologisch sehr ähnlichen, in Deutschland verbreiteten Art L. emarginatus (Newport, 1844) sind in Enghoff et al. (2013) publiziert. Die aus der Südhemisphäre stammende Art der Familie Henicopidae wurde durch Decker et al. (2017) erstmals für Deutschland an sieben verschiedenen Fundorten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen auf Wiesen, einem Truppenübungsplatz, Streuobstwiesen, oft in der Nähe von Flüssen und teilweise sogar direkt am Ufer nachgewiesen. Die Art pflanzt sich, wie auch L. emarginatus, in Europa parthenogenetisch fort und kann sich vermutlich wie diese Spezies innerhalb weniger Monate vom Ei bis zum geschlechtsreifen Tier entwickeln. L. africanus wurde in Europa auch außerhalb von Deutschland nachgewiesen, aus Frankreich in einem Garten (Iorio 2016) und aus Dänemark entlang von stillgelegten Bahnstrecken (Enghoff et al. 2013). Aus Großbritannien (Gregory & Garnham 2022) und Tschechien (Dányi & Tuf 2016) ist sie bisher nur aus Gewächshäusern bekannt. Aufgrund der Biologie dieser Art sowie der angenommenen Ausbreitung durch Überschwemmungen, Militärfahrzeuge und entlang von Bahnstrecken ist von einer Etablierung und sogar weiteren Ausbreitung, trotz der bislang wenigen vorliegenden Funde, auszugehen.

Glomeris helvetica (Verhoeff, 1894) Hundertfüßer und Doppelfüßer Stark gefährdet

Deutschland ist in besonders hohem Maße für die hochgradig isolierten außeralpinen Vorposten im Hegau und Maintal dieser Art verantwortlich. Diese Art hat ihr Hauptverbreitungsgebiet im Schweizer Jura. Untersuchungen in der Schweiz zeigten für G. helvetica eine sehr ausgeprägte Präferenz für trockene und steinige Lebensräume wie offene oder bewaldete Geröllhalden oder Felssteppen (Pedroli-Christen 1993). In Deutschland kommt sie nur in Süddeutschland im Hegau (= stabiler Teilbestand) und in einem isolierten Vorkommen im Maintal (Main-Spessart, Unterfranken) vor. Dort wurde sie zuletzt in Trockenrasen mit offenen Kalksteinfluren (Blaugrasrasen) gefunden. Das Maintal weist innerhalb der felsigen Steilhänge klimatische Besonderheiten mit niedrigen Jahresniederschlägen und einem hohen Temperaturmittel im Sommer auf, was zu einem sehr trockenen Lokalklima führt. Die Art ist sehr kleinräumig auf die gefährdeten Biotoptypen der Trockenrasen/Kalksteinfluren angewiesen. Nachdem es seit Ende des 19. Jahrhunderts einen Rückgang des Weinanbaus in dieser Region gegeben hat, also möglicherweise wieder Freiflächen zur Besiedlung durch die Art zur Verfügung standen, wurde der Weinbau ab 1960/70 wieder stark intensiviert. Durch diesen großen Lebensraumverlust gilt die Art somit erneut als „Stark gefährdet“.

Haplogona oculodistincta (Verhoeff, 1893) Hundertfüßer und Doppelfüßer Extrem selten

H. oculodistincta ähnelt morphologisch den Angehörigen der Familie Chordeumatidae; sie gehört allerdings der für Deutschland neuen Familie Verhoeffiidae an. Die Art selbst ist in keinem Bestimmungsschlüssel enthalten. Vielmehr müssen die Originalbeschreibungen dieser dreimal beschriebenen Art herangezogen werden. Die beste Beschreibung findet sich bei Verhoeff (1895) unter dem Namen Verhoeffia illyricum. Auch die Beschreibung von Attems (1895) als Chordeuma graecense kann verwendet werden. Hingegen ist die Originalbeschreibung von Verhoeff (1894) als Chordeuma oculodistinctum dermaßen kryptisch, dass die Synonymie lange nicht erkannt wurde. Nachdem die Art schon seit längerem aus dem benachbarten Salzkammergut bekannt war (Spelda 1996) und weitere neuere Nachweise aus grenznahen Gebieten in Österreich erbracht wurden (Decker et al. 2025), konnte sie im Jahre 2021 im Inn- und Donautal aus der Umgebung von Passau erstmals für Deutschland nachgewiesen werden, was sich nahtlos an das bekannte Verbreitungsgebiet der Art anschließt. Die neuen deutschen Funde, wie auch die österreichischen Funde, betreffen sehr naturnahe Waldbiotope. Diese Vorkommen werden aufgrund ihrer Verbreitung und Habitatbesiedlung als autochthon betrachtet. Zudem handelt es sich bei dieser Art, wie auch bei allen anderen Vertretern der Samenfüßer, um eine Art mit einjährigem Lebenszyklus, deren Adulti nur für wenige Monate im Jahr auftreten. Aufgrund der bekannten Verbreitung, Ökologie und Biologie kann auf eine Etablierung in ihrem natürlichen Verbreitungsgebiet in Deutschland geschlossen und eine Verschleppung ausgeschlossen werden. H. oculodistincta gehört zu jenen wärmebedürftigen Tierarten, die postglazial entlang der Donau flussaufwärts vorgedrungen sind und in der Umgebung von Passau die Westgrenze ihrer Verbreitung erreicht haben. Ein weiteres Vordringen ist angesichts des Klimawandels nicht unwahrscheinlich. Für andere Regionen ihres Verbreitungsgebietes wird sie aufgrund ihrer ökologischen Anpassungsfähigkeit als Pionierart eingeschätzt (Kime & Enghoff 2021).

Rote Liste und Gesamtartenliste der Hundertfüßer und Doppelfüßer (Myriapoda: Chilopoda et Diplopoda) Deutschlands

10 Jahre nach dem Erscheinen der Vorgängerliste von 2016 liegt eine aktualisierte Rote Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer vor. Sie gibt in differenzierter Form Auskunft über unsere wildlebenden Hundertfüßer und Doppelfüßer sowie über ihre Gefährdungssituation. Behandelt werden nicht nur die in ihrem Bestand bedrohten Arten und Unterarten, sondern alle 189 als etabliert geltenden Hundertfüßer und Doppelfüßer. Die Rote Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer geht wie alle Roten Listen über eine reine Inventur und die Beschreibung von Bestandstrends und Rückgangsursachen hinaus. Für viele Arten wurden ausführliche Kommentare verfasst, die die Entwicklungen im Detail erläutern. Rückgangsursachen werden beleuchtet und Empfehlungen zur Optimierung der Lebensräume mittels Hilfs- und Schutzmaßnahmen gegeben. Zudem wird die Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung der Arten und Unterarten eingeschätzt. Die Rote Liste wurde von erfahrenen Experten und Expertinnen der Bodenzoologie und Naturschutzbiologie verfasst. Mit ihr liegt Band 12 der Reihe „Rote Liste der Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands“ 2020 ff. vor.

Mikroendemische Tausendfüßer der Western Ghats, Indien

Die Western Ghats in Südwest Indien sind ein Brennpunkt der Biodiversität und gehören zu den artenreichsten Regionen unseres Planeted. Besonders einzigartig sind die sogenannten 'Sholas', isolierte Nebelwälder der Hügelketten auf bis zu 2200 Metern Höhe. In diesem Projekt soll die Tausendfüßerfauna von verschiedenen Wäldern und Sholas der Western Ghats erfaßt und miteinander verglichen werden. Generell sind die Tasuendfüßer Indiens sehr wenig bekannt, obwohl diese als Bodentiere aufgrund ihrer fehlender Flugfähigkeit hervorragende INdikatoren für die biogeographische Geschichte ihrer Lebensräume sind. So haben einige Gattungen der Tasuendfüßer Südindiens ihre nächsten Verwandten auf Madagaskar, obwohl diese Insel 5.000 km entfernt ist, aber bis vor 80 Millionen Jahren noch mit Indien verbunden war. Diese Studie wird im Rahmen der Masterarbeit von Frau Pooja Anilkumar in unserem internationalem Masterprogramme OEP in zusammenarbeit mit der Universität Bonn durchgeführt.

Darstellung der Phylogenie der Diplopoda: Mikro-CT Scans, Morphologie und Morphometrie aller Tausendfüßerordnungen

Tausendfüßer (Diplopoda) gehören zu den ersten mehrzelligen Landbewohnern unseres Planeten und sind mit 12.000 beschriebenen Arten die drittgrößte 'Klasse' der Landarthropoden. Als Destruenten spielen sie eine wichtige Rolle bei der Streuzersetzung und im Nährstoffkreislauf des Bodens. Trotz ihrer langen evolutiven Geschichte und ihrer offensichtlich wichtigen Rolle bei der Kolonisierung des Landes ist die Morphologie der Diplopoda unzureichend erforscht. Dies trifft besonders auf artenarme Vertreter der 16 Ordnungen, wie Siphoniulida, Glomeridesmida, oder Siphonocryptida, zu. Dies bewegte einige Autoren zu Anmerkungen, dass unser Wissen über die Morphologie der Tausendfüßer in etwa auf dem Stand ist, welcher bei Insekten, Krebstieren und Arachnida bereits vor 100 Jahren erreicht wurde. Mit diesem Projekt werden wir die Wissenslücke im Bereich der Morphologie der Diplopoda schließen. Durch die Kombination von Synchroton Mikro-Computer Tomographie und Histologie sowie weiterer moderner Analysemethoden verfügen wir über die notwendigen Werkzeuge um unser Wissen über die Morphologie der Diplopoda grundlegend zu vertiefen. Unser Ziel ist erstens die Erstellung einer digitalen, frei zugänglichen und detailliert annotierten Sammlung von Synchroton Mikro-CT Scans und 3D Modellen von 48 Vertretern der Diplopoda welche alle Hauptgruppen dieser Tiergruppe umfassen und die komplette phylogenetische und morphologische Diversität der Tausendfüßer in bislang nicht dagewesener Weise abdecken. Zweitens werden wir die aus diesem Datenpool gewonnenen morphologischen Merkmale vergleichend analysieren und eine Phylogenie der Tausendfüßer erstellen, welche auf multiplen Merkmalskomplexen begründet ist. Insbesondere werden wir die Mundwerkzeuge, das Endoskelett, weibliche Genitalstrukturen, und die Tracheentaschenkonfigurationen untersuchen. Drittens werden wir mit einem geometrisch-morphometrischen Ansatz evolutionäre Formunterschiede ausgewählter Merkmalskomplexe quantitativ auf (a) phylogenetische Signale, (b) evolutionäre Allometrie, und (c) potentielle Korrelationen mit verschiedenen ökologischen Faktoren untersuchen. Dies wird unser Verständnis der morphologischen Anpassungen als Reaktion auf die für Tausendfüßer bedeutsamen Lebensräume erhöhen und könnte auch eine Rekonstruktion der ursprünglichen Umweltparameter zulassen, in denen die Vorfahren der rezenten Diplopoda das Land als Lebensraum kolonisierten. Unser Projekt liefert somit Informationen über die morphologischen Schlüsseladaptationen einer artenreichen Gruppe von Landarthropoden.

Stressproteine als Indikatoren des Einflusses von Schwermetallen auf Bodenorganismen

Induktion und Charakterisierung von Stressproteinen der hsp 70-Gruppe mittels Fluorographie in Asseln, Tausendfuessern und Landlungenschnecken nach unterschiedlichen Stressfaktoren (Hitze, Schwermetalle, Pestizide). Untersuchungen ueber die Persistenz dieser Proteine im Tierkoerper nach unterschiedlicher Vorbelastung und Stressentzug mit proteinchemischen und immunologischen Methoden. Quantifizierung der Schwermetallkonzentration als Stressfaktor. Nachweis von hsp 70 in schwermetallkontaminierten Gebieten unter Freilandbedingungen. Ermittlung geeigneter Indikatoren. Immunhistochemische Untersuchungen zur Lokalisation der Proteine im Gewebe.

Trachysphaera gibbula (Latzel, 1884) Hundertfüßer und Doppelfüßer Ungefährdet

Nach dem bekannten Vorkommen westlich des Salzachtals, nachgewiesen im Jahr 2005 (Reip et al. 2012), konnte T. gibbula nun aus den Voralpen im Mangfallgebirge und im Unterinntal nachgewiesen werden (Decker et al. 2025). Diese kleinwüchsige Art ist in Deutschland also weiter verbreitet als bisher angenommen. In der vorherigen Roten Liste (Reip et al. 2016) wurde sie noch als „Extrem selten“ eingestuft, wohingegen sie nun als „Ungefährdet“ angesehen wird. Da die Art erst seit kurzem für Deutschland bekannt ist, konnte der langfristige Bestandstrend nicht ermittelt werden.

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