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Rote Liste und Gesamtartenliste der Hundertfüßer und Doppelfüßer (Myriapoda: Chilopoda et Diplopoda) Deutschlands

10 Jahre nach dem Erscheinen der Vorgängerliste von 2016 liegt eine aktualisierte Rote Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer vor. Sie gibt in differenzierter Form Auskunft über unsere wildlebenden Hundertfüßer und Doppelfüßer sowie über ihre Gefährdungssituation. Behandelt werden nicht nur die in ihrem Bestand bedrohten Arten und Unterarten, sondern alle 189 als etabliert geltenden Hundertfüßer und Doppelfüßer. Die Rote Liste der Hundertfüßer und Doppelfüßer geht wie alle Roten Listen über eine reine Inventur und die Beschreibung von Bestandstrends und Rückgangsursachen hinaus. Für viele Arten wurden ausführliche Kommentare verfasst, die die Entwicklungen im Detail erläutern. Rückgangsursachen werden beleuchtet und Empfehlungen zur Optimierung der Lebensräume mittels Hilfs- und Schutzmaßnahmen gegeben. Zudem wird die Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung der Arten und Unterarten eingeschätzt. Die Rote Liste wurde von erfahrenen Experten und Expertinnen der Bodenzoologie und Naturschutzbiologie verfasst. Mit ihr liegt Band 12 der Reihe „Rote Liste der Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands“ 2020 ff. vor.

Mikroendemische Tausendfüßer der Western Ghats, Indien

Die Western Ghats in Südwest Indien sind ein Brennpunkt der Biodiversität und gehören zu den artenreichsten Regionen unseres Planeted. Besonders einzigartig sind die sogenannten 'Sholas', isolierte Nebelwälder der Hügelketten auf bis zu 2200 Metern Höhe. In diesem Projekt soll die Tausendfüßerfauna von verschiedenen Wäldern und Sholas der Western Ghats erfaßt und miteinander verglichen werden. Generell sind die Tasuendfüßer Indiens sehr wenig bekannt, obwohl diese als Bodentiere aufgrund ihrer fehlender Flugfähigkeit hervorragende INdikatoren für die biogeographische Geschichte ihrer Lebensräume sind. So haben einige Gattungen der Tasuendfüßer Südindiens ihre nächsten Verwandten auf Madagaskar, obwohl diese Insel 5.000 km entfernt ist, aber bis vor 80 Millionen Jahren noch mit Indien verbunden war. Diese Studie wird im Rahmen der Masterarbeit von Frau Pooja Anilkumar in unserem internationalem Masterprogramme OEP in zusammenarbeit mit der Universität Bonn durchgeführt.

Darstellung der Phylogenie der Diplopoda: Mikro-CT Scans, Morphologie und Morphometrie aller Tausendfüßerordnungen

Tausendfüßer (Diplopoda) gehören zu den ersten mehrzelligen Landbewohnern unseres Planeten und sind mit 12.000 beschriebenen Arten die drittgrößte 'Klasse' der Landarthropoden. Als Destruenten spielen sie eine wichtige Rolle bei der Streuzersetzung und im Nährstoffkreislauf des Bodens. Trotz ihrer langen evolutiven Geschichte und ihrer offensichtlich wichtigen Rolle bei der Kolonisierung des Landes ist die Morphologie der Diplopoda unzureichend erforscht. Dies trifft besonders auf artenarme Vertreter der 16 Ordnungen, wie Siphoniulida, Glomeridesmida, oder Siphonocryptida, zu. Dies bewegte einige Autoren zu Anmerkungen, dass unser Wissen über die Morphologie der Tausendfüßer in etwa auf dem Stand ist, welcher bei Insekten, Krebstieren und Arachnida bereits vor 100 Jahren erreicht wurde. Mit diesem Projekt werden wir die Wissenslücke im Bereich der Morphologie der Diplopoda schließen. Durch die Kombination von Synchroton Mikro-Computer Tomographie und Histologie sowie weiterer moderner Analysemethoden verfügen wir über die notwendigen Werkzeuge um unser Wissen über die Morphologie der Diplopoda grundlegend zu vertiefen. Unser Ziel ist erstens die Erstellung einer digitalen, frei zugänglichen und detailliert annotierten Sammlung von Synchroton Mikro-CT Scans und 3D Modellen von 48 Vertretern der Diplopoda welche alle Hauptgruppen dieser Tiergruppe umfassen und die komplette phylogenetische und morphologische Diversität der Tausendfüßer in bislang nicht dagewesener Weise abdecken. Zweitens werden wir die aus diesem Datenpool gewonnenen morphologischen Merkmale vergleichend analysieren und eine Phylogenie der Tausendfüßer erstellen, welche auf multiplen Merkmalskomplexen begründet ist. Insbesondere werden wir die Mundwerkzeuge, das Endoskelett, weibliche Genitalstrukturen, und die Tracheentaschenkonfigurationen untersuchen. Drittens werden wir mit einem geometrisch-morphometrischen Ansatz evolutionäre Formunterschiede ausgewählter Merkmalskomplexe quantitativ auf (a) phylogenetische Signale, (b) evolutionäre Allometrie, und (c) potentielle Korrelationen mit verschiedenen ökologischen Faktoren untersuchen. Dies wird unser Verständnis der morphologischen Anpassungen als Reaktion auf die für Tausendfüßer bedeutsamen Lebensräume erhöhen und könnte auch eine Rekonstruktion der ursprünglichen Umweltparameter zulassen, in denen die Vorfahren der rezenten Diplopoda das Land als Lebensraum kolonisierten. Unser Projekt liefert somit Informationen über die morphologischen Schlüsseladaptationen einer artenreichen Gruppe von Landarthropoden.

Stressproteine als Indikatoren des Einflusses von Schwermetallen auf Bodenorganismen

Induktion und Charakterisierung von Stressproteinen der hsp 70-Gruppe mittels Fluorographie in Asseln, Tausendfuessern und Landlungenschnecken nach unterschiedlichen Stressfaktoren (Hitze, Schwermetalle, Pestizide). Untersuchungen ueber die Persistenz dieser Proteine im Tierkoerper nach unterschiedlicher Vorbelastung und Stressentzug mit proteinchemischen und immunologischen Methoden. Quantifizierung der Schwermetallkonzentration als Stressfaktor. Nachweis von hsp 70 in schwermetallkontaminierten Gebieten unter Freilandbedingungen. Ermittlung geeigneter Indikatoren. Immunhistochemische Untersuchungen zur Lokalisation der Proteine im Gewebe.

Geophilus rhenanus Verhoeff, 1895 Geophilus insculptus rhenanus Verhoeff, 1895; Geophilus proximus rhenanus Verhoeff, 1895 Hundertfüßer und Doppelfüßer Daten unzureichend

Die Abgrenzung dieser Art gegenüber G. alpinus bedarf einer gründlichen morphologischen und genetischen Überprüfung, da sie teils als eigenständige Art (Spelda 2005), teils als Synonym (Bonato & Minelli 2014) zu G. alpinus aufgefasst wird. Die Art ist bisher nur aus dem Rheintal in Deutschland bekannt, aber ihr Vorkommen wird auch für Frankreich angenommen, wobei anzunehmen ist, dass diese Art in Frankreich nicht von der sehr ähnlichen Art G. alpinus differenziert wurde. Aufgrund unzureichender Kenntnisse zur Verbreitung von G. rhenanus in Deutschland, Frankreich und der Schweiz kann daher momentan nicht ausgeschlossen werden, dass Deutschland eventuell eine erhöhte Verantwortlichkeit für die weltweite Erhaltung dieser Art besitzt.

Glomeris helvetica (Verhoeff, 1894) Hundertfüßer und Doppelfüßer Stark gefährdet

Deutschland ist in besonders hohem Maße für die hochgradig isolierten außeralpinen Vorposten im Hegau und Maintal dieser Art verantwortlich. Diese Art hat ihr Hauptverbreitungsgebiet im Schweizer Jura. Untersuchungen in der Schweiz zeigten für G. helvetica eine sehr ausgeprägte Präferenz für trockene und steinige Lebensräume wie offene oder bewaldete Geröllhalden oder Felssteppen (Pedroli-Christen 1993). In Deutschland kommt sie nur in Süddeutschland im Hegau (= stabiler Teilbestand) und in einem isolierten Vorkommen im Maintal (Main-Spessart, Unterfranken) vor. Dort wurde sie zuletzt in Trockenrasen mit offenen Kalksteinfluren (Blaugrasrasen) gefunden. Das Maintal weist innerhalb der felsigen Steilhänge klimatische Besonderheiten mit niedrigen Jahresniederschlägen und einem hohen Temperaturmittel im Sommer auf, was zu einem sehr trockenen Lokalklima führt. Die Art ist sehr kleinräumig auf die gefährdeten Biotoptypen der Trockenrasen/Kalksteinfluren angewiesen. Nachdem es seit Ende des 19. Jahrhunderts einen Rückgang des Weinanbaus in dieser Region gegeben hat, also möglicherweise wieder Freiflächen zur Besiedlung durch die Art zur Verfügung standen, wurde der Weinbau ab 1960/70 wieder stark intensiviert. Durch diesen großen Lebensraumverlust gilt die Art somit erneut als „Stark gefährdet“.

Leptoiulus kervillei (Brölemann, 1896) Hundertfüßer und Doppelfüßer Nicht bewertet

Diese Art mit atlantischem Verbreitungsschwerpunkt (Kime & Enghoff 2017) konnte in Deutschland bisher nur an der Hohensyburg in Dortmund-Syburg, auf dem Hauptfriedhof in Iserlohn sowie im Botanischen Garten der Universität in Bochum (Decker & Hannig 2011) nachgewiesen werden. Die Fundorte legen nahe, dass es sich um aus Verschleppung resultierende Populationen handelt. Daher wird die ursprünglich als indigen angesehene Art in der vorliegenden Roten Liste als Neozoon geführt.

Geophilus osquidatum Brölemann, 1909 Hundertfüßer und Doppelfüßer Nicht etabliert (keine Rote-Liste-Kategorie)

Diese Art stammt ursprünglich aus den östlichen Pyrenäen, ist aber auch aus einigen anderen Regionen in Europa gemeldet (Eason 1964). Für Deutschland liegt bisher nur ein Fund eines Weibchens aus dem Stadtbereich von Bonn-Bad Godesberg vor (Fründ 1989). Bei gezielten Nachsuchen konnte diese Art dort aber nicht wiedergefunden werden (pers. Mitt. T. Wesener). Die Art kann allerdings in Deutschland in Städten und Parkanlagen erwartet werden.

Pachypodoiulus eurypus (Attems, 1895) Hundertfüßer und Doppelfüßer Vorwarnliste

Das Vorkommen von P. eurypus ist auf verschiedene Typen von Blockschutthalden beschränkt. Diese Biotoptypen gelten als gefährdet (Finck et al. 2017), obgleich sie gesetzlich geschützt sind.

Oxidus gracilis (C. L. Koch, 1847) Hundertfüßer und Doppelfüßer Nicht etabliert (keine Rote-Liste-Kategorie)

Die Bestimmung ist nach Blower (1985) oder Hauser & Voigtländer (2019) erfolgt. O. gracilis ist häufig in Gewächshäusern in Deutschland und Europa anzutreffen (Decker et al. 2014). Die Art ist aber auch in der Lage, außerhalb von Gewächshäusern in großen Komposthaufen, im städtischen Bereich oder in Wärmegunsträumen (Bodensee) bei milden Wintern größere Populationen aufzubauen, die allerdings vermutlich nicht stabil sind.

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